#ehrenmensch Engagement mit Herz & Buch

#ehrenmensch Sigrid Wagner

Der Tisch ist voll besetzt und Sigrid Wagner sitzt vor Kopf. Gespannt schauen die gut zehn Bewohnerinnen und Bewohner des Amalie-Sieveking-Hauses im Osten der Stadt Hamm in die Runde. Einer steht nochmal auf und sagt: „Ich hol noch eben ein Bier“, und kommt zurück mit zwei Flaschen Bier, alkoholfrei.

Alles ist auf Gemütlichkeit gestellt und so begrüßt Sigrid Wagner die heutige Gruppe zu ihrer Lesestunde im Gruppenraum: „Schön, dass Sie alle da sind! Es geht weiter mit Sarah, wissen Sie noch? Sarah zwischen Liebe und Intrige …“ und sie fasst noch einmal zusammen, was bisher geschah im Buch, das gerade in diesen Mittwoch-Nachmittag- Lesestunden gelesen wird.

Da muss sich Frau Wagner gar nicht groß einarbeiten, sie kennt die Geschichte sehr gut. Sie selbst hat nämlich das Buch geschrieben. Sie hat bereits weitere Bücher geschrieben und veröffentlicht: Geschichten, die mitten aus dem Leben gegriffen sind. Sigrid Wagner liebt ihre Romanfiguren, lässt sie entstehen, wachsen und verarbeitet dabei viel Autobiografisches.

Sigrid Wagner hat ein spannendes Leben. Und sie schreibt gerne, vor 50 Jahren fing sie damit an. Beides fügt sich wunderbar zusammen. „Ich liebe mein Hobby und ich liebe das Leben. Ganz besonders liebe ich Spaziergänge in meinem Maxipark. Die Natur ist ein wahrer Quell der Inspiration,“ sagt sie, und lächelt dabei.

Als Sigrid Wagner nun die obligatorischen 20 Seiten vorliest (das ist nämlich bei ihr die Tradition: immer circa 20 Seiten vorlesen), da lauscht ihre Hörerschaft aufmerksam. Es ist für diese Runde eine sichtbar schöne Stunde der Unterhaltung. Und Sigrid Wagner unterbricht immer mal wieder. Entweder sagt sie: „Prosten wir uns mal zu! Nehmen Sie mal alle ihre Gläser… und dann: nehmen Sie einen Hieb!“ So schafft sie es, dass die Bewohnerinnen und Bewohner gerne ihr Wasser- oder Saftglas zur Hand nehmen und einfach in Geselligkeit trinken. Denn das, sagt sie mir später, komme bei alten Menschen oft zu kurz: genug trinken.

Manchmal unterbricht sie das Vorlesen, weil sie etwas aus der jeweiligen Szene der Geschichte erinnernd an alte Zeiten vertiefen will, beispielsweise: „Kennen Sie auch noch diese alten Motorräder, die…“ und ein Mann stimmt mit seinem Kopfnicken ein.

Ehrenamt findet seine Anfänge immer in einem persönlichen Impuls bei der Person, einer Idee oder einer besonderen Begegnung.

Bei Sigrid Wagner war das so: Sie war mit Leidenschaft Kneiperin. Und Kneiperin wurde sie, weil sie das eigentlich immer schon wollte. Es war ihr Traum. Zu DDR-Zeiten hatte sie in Chemnitz allerdings einen komplett anderen Beruf erlernt und studiert. „Dort arbeitete ich in der Datenverarbeitung. Mit der Wende war meine Planstelle ‚wegrationalisiert‘“, erzählt sie. Nach der Wende, im Februar 1991, besuchte sie ihre Schwester in Hamm und ein paar Monate später, im Juni, erfüllte sich ihr Traum: Sie pachtete eine Traditionskneipe im Osten der Stadt. 23 Jahre lang galt ihre ganze Kraft diesem Beruf. Erfüllende und anstrengende Jahre waren das. Nach all diesen Jahren merkte Sigrid Wagner, dass sie aufhören sollte. Die Stammgäste fragten: „Warum hörst du so früh auf?“ Aber für sie war es deutlich – zu viele Kräfte hatte ihr dieser Beruf genommen – und sie verabschiedete sich mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Von da an erwachten in ihr mit der Zeit neue Kräfte und sie fand wieder Lust an ihrem alten Hobby, dem Schreiben. Ohne den Stress und die Verantwortung für ihr Lokal kam die Kreativität neu zurück und sie begann, Gedichte, lyrische Texte und sogar fünf Romane zu schreiben.

Als ihre Verpächterin aus gesundheitlichen Gründen in das Amalie-Sieveking-Haus übersiedelte, begleitete Wagner sie ein Stück des Weges und fand neue Impulse für ihre Texte. 

Mit den häufigen Besuchen im Amalie-Sieveking-Haus begann ihr Ehrenamt. Dort hält sie nun regelmäßig für alle Interessierten eine Lesestunde. So wie an dem Tag, als ich diese fröhliche, den Menschen zugewandte Frau kennenlerne. „Beim Ehrenamt bekomme ich meine innere Zufriedenheit. Ich weiß, dass ich gern gesehen bin. Das ist genug für mein Leben!“, reflektiert sie im Interview.

Als Sigrid Wagner ihr Buch zuklappt, alle noch einmal einen kräftigen Schluck Wasser, Saft oder alkoholfreies Bier zu sich nehmen, sagt sie: „Und jetzt kommt der zweite Teil! Die Geschichte von Sarah ist nicht immer heiter, aber wir sollten heute auch noch herzlich lachen!“

Das Buch, das Sigrid Wagner jetzt zur Hand nimmt, hat ihr schon lange gedient. Das sieht man am Umschlag. Daraus nun liest sie eine Reihe an Witzen vor und hält nach jedem Witz einen Moment lang inne – für das Lachen und Schmunzeln, für den Moment der Heiterkeit bei all den Personen in diesem Raum.

Danke, #ehrenmensch Sigrid Wagner, für Ihr Engagement und herzlichen Dank für das Interview!